On the border

Brauchen Kinder Grenzen?

Wenn ich etwas lernen möchte, besuche ich lieber ein Seminar, als dass ich mir die passenden Bücher mit dem gleichen Inhalt aus der Bibliothek ausleihe. Wenn mein Mann abends um 22.00 Uhr sagt, er gehe jetzt ins Bett, fällt es mir viel leichter, mein Buch wegzulegen und auch ins Bett zu gehen, als wenn ich abends allein bin.

Warum ist das so?

Ich brauche Führung. Ja, ein komisches und leider sehr negativ belegtes Wort, zumindest für uns Deutsche. Das Wort „Guidance“ im Englischen kommt der Sache vielleicht näher. Wir wollen (manchmal) angeleitet werden, an die Hand genommen und zum Ziel geführt werden. Wir wollen liebevoll in die richtige Richtung gelenkt werden. Denn manchmal ist es so hart, allein zum Ziel zu kommen.

Unseren Kindern geht es genauso, eigentlich noch viel mehr, da sie so viele Gesetzmäßigkeiten, logische Schlussfolgerungen und Erfahrungen noch nicht kennen. Ich übersetze den Satz „Kinder brauchen Grenzen“ auch immer so: Kinder brauchen Führung.

Führung ist ein Bedürfnis, das wir alle haben.

Denn ohne Führung wissen Kinder nicht, wie die Welt funktioniert. Sie fühlen sich unsicher und dazu aufgefordert, alles selbst herauszufinden. Sie fühlen sich allein und überfordert. Ohne Klarheit und Führung von uns Eltern haben sie eine so große Verantwortung, selbst für Führung zu sorgen, selbst alles herauszufinden, dass sie unter dieser Last leiden.

Nur wie können wir ihnen diese Führung geben?

Ich denke, in ganz vielen Fällen passiert das ganz automatisch:

Zieh‘ eine Jacke an, draußen ist es kalt.

Wir gehen jetzt zum Spielplatz, das Wetter ist schön und ich merke, dass du Bewegung brauchst.

Ich sehe, du bist müde. Komm, wir gehen dich bettfertig machen.

Bei genauerem Hinschauen klingt das fast autoritär, oder? Zieh‘ (jetzt sofort) deine Jacke an. Hm, das wollen wir ja eigentlich nicht, denn autoritär ist nicht bedürfnisorientiert. Aber wenn Führung ein Bedürfnis ist, wie passt das jetzt zusammen?

Ich denke, es kommt immer darauf an, wie ich auf ein mögliches „Nein“ reagiere und welche Intention ich habe. Wenn auf ein „Nein“ eine Drohung, Aussicht auf Belohnung oder Schimpfen folgt, schwenken wir zur autoritären Erziehung. Auch wenn wir nur einen Befehl geben, weil wir die Macht genießen, weil in unserem Kopf herumschwirrt, dass Kinder „zu gehorchen haben“, dass sie nur dann gut sind, wenn sie tun, was wir sagen, dann wird es schwierig. Denn Kinder spüren unsere Intention immer. Sie spüren den Druck, das Kleinmachen und die fehlende Augenhöhe.

Warum sagen sie überhaupt (manchmal) nein? Sie brauchen doch die Führung?

Leider gibt es einen sehr starken Gegenspieler zum Bedürfnis Führung, nämlich die Autonomie. Kinder, bzw. alle Menschen, wollen auch selbst entscheiden. Sie wollen autonom agieren dürfen. Gerade in gewissen Entwicklungsphasen (wir kennen alle die verschiedenen Autonomiephasen, die manchmal nahtlos ineinander übergehen zu scheinen) ist das für die Kinder unglaublich wichtig.

Wie können wir jetzt damit umgehen?

Wie immer gilt es nun, einen Mittelweg zwischen der Führung und der Autonomie zu finden, also unseren Kindern beides zu geben.

Mein Tipp an dieser Stelle ist es, beide Bedürfnisse bewusst jeden Tag des Öfteren zu erfüllen. Z.B. gibst du den Zeitplan des Tages vor (wann raus, wann essen, wann spielen) und zu einer gewissen Uhrzeit sagst du: Jetzt darfst du entscheiden, was wir spielen. Die nächsten 20 Minuten darfst du alles entscheiden (natürlich nur, wenn du dazu bereit bist). Ich erinnere hier immer noch die Abmachung: Alle und alles bleiben heile mit. Oder sie dürfen beim Essen mitentscheiden, bei den Klamotten, Freunden, Hobbies, etc. Überlege dir doch mal, welche Entscheidungen deine Kinder sehr gerne fällen dürfen und baue diese in jeden Tag ein. Dann ist der Bedürfnistopf „Autonomie“ schon etwas mehr gefüllt.

Wenn du merkst, dass dein Kind sehr unausgeglichen ist, viel „nein“ sagt, vielleicht mit anderen aneckt und du seinen Bedürfnistopf „Autonomie“ schon gut gefüllt hast, dann könntest du zu mehr liebevoller Führung greifen. Du darfst für dich herausfinden, wie du gern geführt wirst und wie du dir das bei deinem Kind vorstellen kannst. Denn so viel ist sicher, es braucht deine Führung.

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